Ich stehe mitten im "Tanzsaal Nr. 2". Sechs komatöse, beatmete Patienten liegen hier. Drei an jeder Wandseite. Der Nachtdienst hat gerade begonnen. Sechs Feten, verschlaucht von Kopf bis Fuß. "Wer wirklich gesund werden will, zwinkert bitte einmal mit dem rechten Auge", fordere ich sie auf. Keine Regung. "Und jetzt bitte die, die weiterhin krank und abhängig bleiben wollen. Die zwinkern bitte einmal mit dem linken Auge". Wieder keine Regung. Ich hoffe, die Schwestern haben mich nicht gehört. "Na gut. Dann machen wir hier weiter so, wie es medizinisch notwendig erscheint in der Hoffnung, dass das alles Eurem wahren Willen entspricht". Was für ein Selbstbeschiss, funktioniert jedoch fast immer, um durchzuhalten. Ich stehe da mit meiner to-do-Liste und bin versunken in die Planung meines strategischen Zeitmanagements für die nächsten dreizehn Stunden. Julia, die junge Krankenschwester möchte irgendetwas von mir, ich folge ihr in den "Tanzsaal Nr.1". Da sind auch sechs Menschen, die ihre Funktionen von Maschinen regeln lassen müssen. Eines davon ist ein sechsjähriger Junge, dessen Vitalparameter sich wohl verschlechtert hätten. Ich trete hinter Julia in den Tanzsaal hinein. Was ist denn hier los? Die Betten sind leer. Ich schaue Julia an, die dem Bett des Jungen naht. Seltsam dunkel ist es zur Saaldecke hin. Sechs Schnüre hängen von der Decke herab, je eins über jedem Bett. Julia steht vor dem Bett des Kindes. Sie sagt, er hätte einen zu beschleunigten Herzschlag und der Hirndruck würde ansteigen. Ich sehe weder das Kind, noch einen Monitor, noch eine Beatmungsmaschine. Nur die Schnur, die über dem Bett hängt. Julia zieht an der Schnur. Ich schaue nach oben, wo auf einmal Licht ist. Das Kind hängt an der Schnur an der Decke. Die Arme, die Beine und der Kopf hängen bodenwärts. Er ist intubiert, die Maschinen kann ich nicht sehen, aber Julia weiss wohl, wo sie sind. Sie zieht noch mal an der Schnur und das Kind macht die Augen auf. Sie fragt ihn, was los ist. Der Junge hat einen kalten Blick, er scheint nicht zu fixieren. Seine Haut schimmert als graublauer Marmor. Er kann sprechen, obwohl der Beatmungsschlauch seine Stimmbänder trennt. Er sagt uns, dass die Drainage, die das vom Hirn nicht resorbierte Hirnwasser nach außen ableitet, nicht mehr im Hirnventrikel liegt, sondern abgerutscht sei. In fünf Minuten werde sein Herz aufhören zu schlagen, da durch den Hirndruck das Atem-Kreislauf-Zentrum im basalen Hirn nicht mehr funktionieren würde. Uns bleibt wenig Zeit. Ich besorge den Handbohrer aus dem Operationssaal. Wir ziehen einen Aktenschrank unter das hängende Kind und stellen uns auf diesen Schrank. Die Pupillen des Jungen sind mittelweit und entrundet, er ist komatös...es pressiert. Julia muss den Kopf des Jungen festhalten. Ich bohre ein Loch auf der linken oberen Seite des Schädels, drehe einen kleinen Sockel hinein und versenke eine Duisburger Nadel in den linken Seitenventrikel. Noch ein Ableitsystem und dann ist alles wieder in Ordnung. Das überschüssige Hirnwasser kann in einen Beutel ablaufen. Die andere Drainage ziehe ich heraus. Der Junge klart auf und lächelt ...in die Leere. Julia zieht wieder an der Schnur, er macht die Augen zu und das Licht um ihn geht aus.
"Wo sind Deine Kollegen", frage ich Julia. Eigentlich gibt es sechs Leute in einer Schicht. Sie antwortet, dass ihre Kollegen auf der Jagd seien. "Was denn für eine Jagd", frage ich erschrocken. "Es ist ein Löwenrudel aufgetaucht. Sie wollen unsere Patienten holen. Eine Löwin ist schwanger, sie braucht viele Kalorien. Die anderen sind losgezogen, um das Rudel aufzuhalten, bevor sie die Klinik erreichen.". "Warum denn gerade unsere Schützlinge??", bringe ich gerade noch hervor? "Weil sie wehrlos sind", flüstert Julia traurig. Ein grausames Raunen tönt vom Treppenhaus hoch. Wir erstarren. Unsere Jungs und Mädels haben es nicht geschafft, die wilden Tiere kommen. Die Patienten an der Decke des Tanzsaals Nr. 1 sind in Sicherheit. wir versuchen voller Panik diejenigen, die im Tanzsaal Nr. 2 liegen, auf die hohen Fensterbänke zu retten.
Vier Patienten haben wir auf die Fensterbank hieven können. Die letzten beiden schaffen wir nicht mehr. Es ist ein 17-jähriger Jugendlicher mit einem Locked-in- Syndrom, da er eine schweren Unfall erlitten hat, wobei der erste Halswirbelkörper ins Hirn katapultiert wurde. Der Zweite ein vierzigjähriger Mann, ebenfalls mit schwerem Schädel-Hirn- Trauma, der nie von irgendjemandem besucht wurde. Es ist zu spät...ein riesiger Löwe mit blutverschmiertem Maul steht am Eingang. Er ist dem Siebzehnjährigen am nächsten. Versteinert müssen wir zusehen, wie er mit einem einzigen Biss den Brustkorb des Jungen zerreisst. Das Herz hat er nicht erwischt, aber der linke Lungenflügel ist zerfetzt. Aus den großen Gefäßen fliesst das Blut. Bald ist alles rot, tiefrot. Der Patient wacht in diesem Moment auf, das ist eigentlich unmöglich. Er streckt seinen linken Arm zum Kopf des Löwen, der auf den Boden gebeugt die Lunge verspeist. ER STREICHELT DIE MÄHNE DER BESTIE. Er weint dabei, er wirkt dankbar. Für Sekunden bin ich abgelenkt. Was machen Löwen hier? Was machen wilde Tiere hier, deren Lebensfunktion auf natürlicher Selektion gründet? WAS MACHEN SIE HIER?. Hier ist doch nichts natürlich.
Drei weitere Löwen sind angekommen. Die schwangere Löwin gleitet fast lautlos zum anderen Mann. Das Grauen nimmt kein Ende. Sie reisst ihm das rechte Bein aus. Die anderen beiden versuchen auf die Fensterbank zu springen. Ich merke, dass meine Beine herunterhängen, aber die Löwen nehmen keine Notiz davon. Sie scheinen nur an den Patienten interessiert zu sein. Julia und ich machen einen Plan. Der Unterschenkel des älteren Patienten liegt auf dem Boden, der Oberschenkel im Maul der Löwin. Julia greift sich den Unterschenkel und versucht die Löwen aus dem Tanzsaal Nr. 2 zu locken. Sie ist ein mutiger Mensch. Währenddessen soll ich Spritzen mit lebenserhaltenden Medikamenten aufziehen und damit die Nasen und Augen der Löwen anspritzen, damit sie nicht mehr sehen und riechen können, wo ihre Beute ist. Seltsamer Plan, aber wir haben anscheinend keine andere Wahl. Julia hat Erfolg, die Löwen folgen ihr. Adrenalin, Cordarex, Mannitol, Dobutamin....alles fertig. Julia lässt den Unterschenkel fallen und kommt zurück auf die Fensterbank. Von hier aus haben wir gute Schussmöglichkeit. Die letzten beiden Spritzer treffen die Augen und Ohren der trächtigen Löwin. Alle anderen sind schachmatt gesetzt. Sie benehmen sich wie Schosskätzchen. Der Sicherheitsdienst ist endlich da. Und die Kollegen von Julia. Unversehrt sind sie nicht. Allen fehlt irgendetwas, eine Hand, halber Kopf, kein Schritt...Wir verbinden alle und holen die Patienten von der Fensterbank zurück in ihre Betten. Die Nachtschicht geht ohne weitere Zwischenfälle weiter.
Freitag, 27. Juni 2008
Montag, 2. Juni 2008
Barcamp Bodensee
Maternal:) verhindert und deswegen nicht da gewesen. Aber dank Mogulus konnte ich am Sonntag einige Runden verfolgen, was spannend ist und ein paar vibes ruebergebeamt hat. Spass muss es masse gegeben haben, aber die Themen kommen trotz fleissigern Bloggern und Twitterern in realtime natuerlich etwas chaotisch herueber. Mal sehen, was es an Zusammenfassungen gibt und ob Oliver Gassner noch etwas Abschliessendes dazu sagt. Dieser Artikel wird demnaechst auf den beruflichen Blog verschoben, da er hier etwas schlecht aufgehoben ist. Nicht ueberraschend ist jedoch die dynamische Atmo eines Barcamps. Letztes Jahr hier in Hamburg war es schon unglaublich, obwohl ich nicht 48 h da war. Irgendwie fehlt mir in der IT- Szene noch der Dreh. Irgendwie gibt es trotz globaler Vernetzung aus jener Ecke noch etwas zu wenig Bezug zum anderen Leben und zu etwas Hoeherem. Genauso wie in meinem Beruf mit internationalem Bezug wird man sich das auf die Dauer nicht leisten koennen. Gibt es da positive Beispiele? Auf jeden Fall freue ich mich, von einer Freundin zu erfahren, was sie Neues gelernt hat. Muss ich mir ueberlegen mit BC Berlin, ob ein Vortrag wirklich angemessen ist.
Und merke: Polarisierendes Schreiben fixt an:)
Und merke: Polarisierendes Schreiben fixt an:)
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