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für Cem
Ihr müsst jetzt schon nach oben schauen, um in meine Augen blicken zu können.
Ich habe sie offen gelassen...für Euch. Blickt ruhig hinein. Was fühlt ihr?
Ich habe sie offen gelassen...für Euch. Blickt ruhig hinein. Was fühlt ihr?
Fühlt ihr mich? Euch? Nein? Ja? Stehen mir Mamas Nylonstrümpfe? Nicht?
Und ihr Lippenstift? Magenta. Er mochte es. An mir. So absurd? Dass
Ihr nicht mal auf die Idee kommt, mich abzuhängen? Meine Augen sind offen, ich
sehe alles. Ihr steht alle um mich herum...seit einer Viertelstunde und starrt mich an.
Seht Ihr mich überhaupt? Mami, Du weinst?
Wir stehen in diesem Raum. Es ist ein noch nicht fertig gebautes Einfamilienhaus. Hässlich, geistlos, kann mir egal sein, ist es auch. Ich fasse es nicht. Eine ganze Familie steht um den Erhängten herum und starrt ihn an. Mutter, Vater, vermutlich zwei Geschwister. Sogar hier riecht es nach Plattenbau, gemischt mit dem Fäkaliengeruch des Hängenden. Der Junge ist so zierlich, dass die Sonne fast durch ihn scheint. Wir bitten alle zur Seite. Einer von den Sanitätern hält den Jungen und ein anderer hängt ihn ab. Er hat einen Gürtel benutzt, Schlangenleder. Mit Stil gehen wir unter. Er ist noch warm, aber es ist zu spät. Das Weiß der Augen ist rot, die Pupillen durch den hypoxischen Hirnschaden weit und entrundet. Es gibt wohl einen Unterschied zwischen Magenta und Dunkelmagenta. Der verschmierte Lippenstift beansprucht den dunkleren Ton im Gegensatz zur Röte oberhalb des Gürtels um den Hals.
Ich entscheide mich gegen die Ableitung eines Nulllinienelektrokardiogramms, um einen Todeszeitpunkt festzulegen.
Tschaikowski bei Gehirntumoren . Bei Traumachirurgie Goldfrapp. Geht hier schlecht. "Strict Machine" hämmert es in meinem Kopf. Ich bin jetzt eine Maschine. Alles, was ablenkt, gleitet weg. Die selbstmitleidsbehafteten Mienen der Familienangehörigen, die Ricky Martin- Poster an den Wänden, der geduldige, selbstsichere Sensemann neben mir...
Der Kehlkopf ist anscheinend zertrümmert, aber er lässt sich problemlos intubieren. Alles geht problemlos. Innerhalb weniger Minuten ist der Junge "verkabelt". Ein Sanitäter fängt nach der Intubation mit der Herzdruckmassage an. Nichts am Zustand des Jungen ändert sich. Höchstwahrscheinlich ist der Großteil des Blutes schon geronnen, er hing ja auch hinreichend lange an der Decke. Unter anderen Umständen hätte man nach einer halben Stunde aufgehört. Hier nicht. Es ist jedem von uns klar, dass der Junge tot ist. Ich schaue mein Team an. Sie wirken wirklich verzweifelt, sind aber konzentriert bei der Sache. Ich bringe es nicht über's Herz, sie aufzuhalten. Wir verbrauchen alles aus unseren Koffern. Dann erst kann ich terminieren. Logik ist heute zweitrangig. Das wird keiner vergessen können. Sie kennen die Familie. Ich sage dem Vater, dass wir nun aufhören werden. Er nickt. Immer noch verkniffen, sein Mund. Man darf Eltern niemals hinausschicken. Sie müssen immer zusehen, dass man alles für ihr Kind macht, hat man uns bei der Ausbildung gesagt. Was ist eigentlich schlimmer für Eltern? Ich weiß es nicht, ich habe keine Kinder, aber ich würde auch dabei bleiben wollen. Wir ziehen den Tubus heraus und versuchen die Augen zu schließen. Geht nicht.
Ihr schaut mich an. Aber ich sehe Euch. Mami, Du weinst?
In diesem Moment des eindringlichsten Selbstausdruckes dieses Kindes möchte ich meinem Menschlichkeitsauftrag diesmal nicht gerecht werden. Ich möchte diese Familie jetzt nicht begleiten nach dem Tod ihres Sohnes. Davor liebend gern. Ich möchte sie nicht trösten. Ich möchte der Mutter kein Valium geben, damit sie sich weiter abschirmen kann. Ist der Sensemann kalt oder bin ich es? Ein Glück, dass man einen Pfarrer anrufen kann. Er kommt sehr schnell. Mit ihm gemeinsam stellen wir der Familie erst mal faktische Fragen. Ja, er war "tuntig", sagt der Vater, er hatte auch mal Stubenarrest, weil er sich mit diesem einen Typ rumtrieb. Mami weint. Ob sie jemals wieder Magenta auf ihren Lippen tragen wird? "Dieser Typ" habe aber ihn zurückgewiesen am Vortag; der Junge wurde melancholisch und der Vater hat ihn daraufhin noch mal "zurechtgewiesen". "Boys will be Boys". Ob die Mutter jemals wieder Nylonstrümpfe vermissen wird? Die Kriminalpolizei ist auch eingetroffen. Meine Jungs sind an den Wagen und rauchen. Eigentlich mache ich immer direkt nach schweren Einsätzen eine Sofortsupervision - Haben wir etwas übersehen? Was kann man optimieren? Fühlt Ihr Euch gut geführt von mir oder fehlt Euch etwas? Wie fühlt Ihr Euch?-. Diesmal nicht. Wir sehen uns alle lange an, aber keiner hat Lust, zu reden. Wir leuchten orange in der Abendsonne in unseren wir-retten-alles-Klamotten. Man könnte uns auch mit der Müllabfuhr verwechseln. Einen Moment lang denke ich, könnte ich auch tauschen. Wir fahren zurück. Die Jungs füllen die Koffer wieder auf und hängen sich vor den Gemeinschafts-TV. Ich glaube, es läuft wieder eine dieser Arztserien. Nein, danke, die sind mir zu dramatisch.
1 Kommentare:
Sie schreiben sehr gut.
Und Sie haben einen harten Job.
ich weiß jetzt nicht ob ich "Herzlichen Glückwunsch" oder "Herzliches Beileid" sagen soll.
Ich sag beides.
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